.
Es war eine Idee. Ich wusste, ich würde in der Gegend sein, also machte ich mit der Verwaltung von Arcosanti einen Termin aus, um den Architekten und Utopisten Paolo Soleri kennen zu lernen. Ich wollte ein Interview mit ihm machen und anschließend ein Porträt über ihn schreiben.
Arcosanti, das ist eine Siedlung in der Wüste Arizonas, gegründet auf den Gedanken und den Visionen von Paolo Soleri. Der Schüler Frank Lloyd Wrights hatte sich in den 1950er Jahren von der klassischen Architektur verabschiedet, um eine andere, nachhaltigere und ökologische Form des Städtebaus zu entwickeln. Soleri ist einer der Gründerväter der Nachhaltigkeitsbewegung, und Arcosanti ist sein Labor.
Wieso der Italo-Amerikaner auf die Idee einer anderen Stadt kam, kann man nachvollziehen, wenn man beim Anflug den Flughafen von Phoenix ansteuert. Das unendliche Patchwork quadratischer Flächen aus uniformen Wohnsiedlungen, zahllosen Golfplätzen, asphaltierter Megahighways und Shoppingcenterparkplätzen ist das perfekte Bild dessen, was Fachleute als „Urban sprawl“ bezeichnen – das Ausufern der Städte, in denen jeder Weg per Auto gemacht werden muss und jedes Haus rund um die Uhr klimatisiert wird. Die uramerikanische Verschwendung von Landschaft und Energie ist kaum irgendwo so offensichtlich wie im Großraum Phoenix.
Dagegen setzt Soleri das Ideal der Arcology, einer kompakten Bauform, in der Menschen räumlich eng beeinander wohnen, kurze Wege haben und im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten leben. Die Arcology ist ein sich selbst erhaltendes System, das seine eigene Energie und seine Lebensmittel herstellt. Die halboffenen Kugelbauten orientieren sich an den Cliff Dwellings der Indianer, jener Siedlung, die so in die Steilwände der Canyons gebaut wurden, dass die Häuser im Sommer beschattet und im Winter von der tieferstehenden Sonne erwärmt wurden. Ein geniales Prinzip für Wüstengegenden wie Arizona.
5000 Menschen, so viele Bewohner sollte Arcosanti haben. Bis heute sind es vielleicht ein paar Dutzend, die zu kibbutzartigen Arbeitseinsätzen für ein paar Wochen nach Arcosanti kommen. Die in die Wüste betonierte Vision Soleris ist immer ein unfertiges Objekt geblieben. Der Grund: Immer fehlte das Geld. Alles, was Arcosanti heute darstellt, wurde durch den Verkauf von Glocken erzielt, die im nahen Scottsdale produziert werden. Eine aus der Not geborene Idee, denn Soleri ist nie Mainstream geworden. Zu schräg seine Gedanken, zu kompromisslos seine Stellung zur Zivilisation, deren destruktive Kraft er nie akzeptieren konnte.
Ich konnte 2008 an Soleris „School of Thoughts“ teilnehmen. Das sind regelmäßige Runden in Arcosanti, zu denen sich die jungen Studenten zusammenfinden, die gerade vor Ort leben. Und ich begegnete einem alten, kleinen, zerbrechlichen Mann, der kaum noch sprechen konnte. Was er sagte, wurde über ein Mikrofon verstärkt, damit er überhaupt zu hören war. Und doch hatte er die wachen Augen eines Intellektuellen, der mit seinen Worten immer noch verzaubern kann. Ich muss jedoch gestehen, dass ich kein Wort verstanden habe. Ich weiß nicht, ob irgendjemand in diesem Raum etwas verstanden hat an diesem Tag, aber weder konnte ich das Italoamerikanisch entziffern noch konnte ich auch nur erraten, von was der Mann da redet. Ich habe irgendwo noch eine Aufnahme davon.
Nichtsdestotrotz empfinde ich tiefen Respekt vor der Kompromisslosigkeit, mit der Paolo Soleri seine Ideen und Ziele verfolgt hat. Bereits im Herbst 2011 musste er sich von der Leitung Arcosantis verabschieden, am 9. April 2013 ist er im Alter von 93 Jahren gestorben. Seine Nachfolger müssen versuchen, sein Erbe zu retten. Es wird nicht leicht sein. Wenn du in der Nähe ist, schau dir die kleine Siedlung einmal an. Sie liegt rund 70 Meilen nördlich von Phoenix, nur wenige hundert Meter vom Highway nach Flagstaff entfernt.
































